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„Découvertes en Vallée du Rhône” - „Entdeckungsreise im Rhonetal”, so nennt sich eine Veranstaltung, die versucht, alle zwei Jahre die Weinwelt an die Rhône zu bringen. Es ist kein „Salon”, wie wir ihn von Bordeaux, Düsseldorf, Tokio, Verona kennen. Und doch werden etwa 1,5 Millionen Eintritte registriert, von Besuchern aus 35 Ländern, denen 1.000 Winzer 4.000 Weine vorstellen möchten, in 7 Regionen, an 16 verschiedenen Orten, 19 größeren und kleineren Sälen. Die südlichsten und nördlichsten Präsentationen liegen rund 250 Kilometer auseinander, von der Côte Rôtie bis hinunter zur Costières de Nîmes. Die Veranstaltung dauert eine Woche.

Messerummel in den „heiligen Hallen” des Papstpalastes

Soweit die Zahlen, die Begriffe, die Superlative. Was nun? Natürlich, ich stürze mich ins Geschehen. Schon der erste Tag ist viel zu kurz: Anreise, Treffen der Freunde, Bezug der Wohnung, für eine Entdeckung bleibt da kaum mehr Zeit. Auf dem Programm steht ausgerechnet Châteauneuf du Pape, die Parade-Appellation an der Rhône. Nicht weiter schlimm! Hier kenne ich doch den einen oder andern Namen, da habe ich schon den einen oder andern „großen” Wein getrunken. Eine „découverte”, eine Entdeckung, ist hier kaum mehr möglich, und wenn, dann sind bereits Hunderte ebenfalls daran, ein Weingut, einen Wein  auch zu entdecken.

Trotzdem mit den vielen Weinen fast allein
Also warten auf den zweiten Tag: Avignon - drei Präsentationen im imposanten Papstpalast. Es bleibt keine Zeit für Schönheiten der Kunst und historische Exkurse. Im großen Audienzsaal gibt es „Gigondas” und „Côtes du Vivarais” von 70 Produzenten. In zwei weiteren Sälen sind es dann 75 Winzer aus „Côtes du Rhône” und „Côtes du Rhône Village”. Sie alle versuchen, gerade mein Interesse zu wecken.

Mein kindlicher Traum, den ich nicht als Kind, sondern erst als bestandener Herr zu träumen begann, verflüchtigt sich zusehends: nämlich ein gewichtiger Weinkritiker, ein erfolgreicher Weinhändler oder gar ein berühmter Sommelier zu sein. Ich bin heilfroh, dass ich zwar „entdecken” darf, aber nicht muss, dass ich darüber schreiben kann, aber nicht schreiben muss! Was habe ich da gelesen: „N’oublions pas le plaisir!” ( „Vergessen wir das Vergnügen nicht!”).

Das ist schon fast philosophisch!

An diesem Tag mache ich nur „Stichproben”, schaffe 26 Verkostungsnotizen, führe 3 Gespräche mit Winzern und diskutiere mit Besuchern, vor allem mit meinen Freunden aus Deutschland. Immerhin ein Anfang!

Messeführer mit Notizbuch% Glas und Spucknapf; die ständigen Begleiter
Am nächsten Tag - meine Frau ist inzwischen auch eingetroffen - steht leider kein berühmtes Weingebiet auf dem Programm. Dafür sind es vier auseinanderliegende Orte: Roquemaure für die Appellation „Lirac”, Tavel mit seinen eigenen Weinen, Laudon mit „Côtes du Rhône/Village” und Pont du Gard für die „Costières de Nîmes”. Nach fast einer Stunde Fahrzeit erreichen wir den Salon in Roquemaure: 40 Weine stehen auf dem „Entdeckungstisch”, je eine Flasche von jedem Weingut. Ich mache mich an die Arbeit, schaffe immerhin etwa 20, also die Hälfte der Weine, verzichte auf Gespräche, auf Diskussionen. Da gibt es lange Zeit nur noch mich und die Weine.

Ich beginne zu rechnen. Für einen Wein brauche ich - wenn ich ganz schnell mache - vier Minuten: Daten notieren, zweimal den Gaumen füllen, wahrnehmen, überlegen, ausspucken, Eindrücke notieren, mich zum nächsten Wein durchkämpfen. Dies macht bei 40 Weinen 160 Minuten oder annähernd drei Stunden. Ich schaffe in zwei Stunden 20 Weine, dann bin ich erschöpft.

Für die Verpflegung ist bestens gesorgt - die mühsam erkämpfte Sitzgelegenheit im Hof muss verteidigt werden. Und es ist herrliches Frühlingswetter, da verstreicht gut und gerne eine weitere Stunde.

Die einzige Abwechslung: ein Trüffelhund
Auf den Besuch der nächsten drei Präsentationen verzichten wir: die Fahrt allein hätte über eine Stunde in Anspruch genommen. Dafür machen wir einen Besuch in Châteauneuf du Pape bei einem befreundeten Winzer (Thema einer späteren Kolumne). Schließlich landen wir in Orange, rasen durch die Arena, das Kunstwelterbe, und machen uns auf die Heimfahrt (eine weitere Stunde). Nach dem Essen werde ich immer nachdenklicher: 150 Winzer und Weine nicht gesehen, nicht einmal von Weitem, geschweige denn verkostet!

Am dritten Tag mache ich natürlich alles anders: besser. Diesmal sind es 130 Winzer, verteilt auf drei Orte. Wieder eine lange Anfahrt, Picknick am Mont Ventoux und schließlich in Vissan: „Côtes du Rhône/Village”.

Aber halt: da wartet eine weitere Attraktion auf uns. Trüffelsuche! Meine Frau möchte unbedingt hin, ich melde mich ab und wende mich den Weinen zu. Den klugen Trüffelhund habe ich nie gesehen und auch nicht erlebt.

Dafür packt mich der Ehrgeiz, die 56 Weine auf dem Entdeckungstisch zu testen. Um es vorweg zu nehmen: 42 schaffe ich. Dann wird die Ausstellung geschlossen.

Mit einer hohen Erfolgsquote!

Doch ich bin stolz auf die 42 Notizen: Ich weiß jetzt immerhin, dass drei Weine sehr gut sind, einen Kauf wert, dass die (wenigen) Bioweine nicht besser, aber auch nicht schlechter abschneiden, dass die Kooperativen auch gute, immer bessere Weine machen, dass die Weine in dieser Region sehr viel Alkohol haben, dass ich auf der Website das eine oder andere Gut anklicken werde und dass ich einmal - wenn ich das nächste Mal in dieser Gegend bin - den einen oder andern Winzer besuchen könnte, vielleicht - möglicherweise - bei Gelegenheit...

Doch sicher ist es nicht, denn da gibt es noch andere Regionen, in Frankreich, in Deutschland, in Österreich, in Italien, ja sogar in der Schweiz..., die ich schon lange besuchen wollte. Spätestens bei diesem Gedanken kapituliere ich, stelle meine Bemühungen ein, die Rhone zu entdecken, gebe auf, verzichte auf die nächsten 3 Tage im Rummel der „Décvouvertes”, unterdrücke das Interesse an so wichtigen Appellationen wie „Hermitage”, „Crozes Hermitage”, „Côte-Rôtie”. Vielleicht das nächste Mal, in zwei Jahren, dann mache ich alles besser. (Uebrigens: ich war schon das dritte Mal an dieser Veranstaltung, immer etwa mit der gleichen Ausbeute).

Müde und erschöpft% den Gesichtern nach kaum glücklich

Als Journalist habe ich es da gut, ich muss nur das festhalten, was ich möchte, Was ich verkoste, das muss nur für mich allein Bestand haben, nicht vor der Öffentlichkeit, nicht für die Umsatzzahlen, nicht für mein Ein- und Auskommen. Ganz allein nur für mich! Darum habe ich auch auf dieser Entdeckungsreisen „das Vergnügen nicht vergessen!”

Herzlich
Ihr/Euer
Peter (Züllig)

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