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Sie waren Statussymbole wie Prada, Rolex oder Maybach. Dann platzte die Kultweinblase - und Weinfreunde können heute zu annehmbaren Preisen Allerbestes kaufen.

Bis 2001 spielte Geld keine Rolle, wenn es um Spitzenwein ging. Der amerikanische Versicherungstycoon Don Bryant etwa zahlte der freiberuflichen Starönologin Helen Turley ein jährliches Honorar von 250000 Dollar, damit sein Cabernet Sauvignon Pritchard Hill aus dem Napa Valley, von dem gerade mal 1000 Kisten produziert werden, alljährlich seine 95 bis 100 Parker-Punkte abholen konnte. Zudem ließ Bryant nach den Wünschen seiner Önologin einen Keller für neun Millionen Dollar bauen. Trotzdem: Turley war unzufrieden mit ihrem Honorar. Die beiden trennten sich im Streit und sahen sich 2004 vor Gericht wieder.

In der Zwischenzeit aber war der Kultwein-Hype vorbei. Der Prozess um Turleys Nachforderungen von 556958 Dollar wurde zur quälenden Rückschau auf die Dekadenz einer kurzlebigen Weinepoche, mit der die Wirklichkeit des Jahres 2004 nur noch wenig zu tun hatte. Prozessbeobachter schüttelten den Kopf und fragten sich, wie Wein denn überhaupt je so tief ins Fegfeuer der Eitelkeiten geraten konnte.

Preis verachtfacht

Rückblende: Im Herbst 1978 wollte Marchese Mario Incisa della Rocchetta seinen Spitzen-Cru Sassicaia in der Schweiz lancieren. Der von ihm gefragte Händler kalkulierte für den Jahrgang 1975 einen Endverbraucherpreis von 14.50 Schweizer Franken und teilte dem Wein-Adeligen in der Toskana umgehend mit, es sei ganz und gar unvorstellbar, dass Schweizer Weinliebhaber mehr als zehn Franken für einen italienischen Wein ausgeben würden. Schließlich importierte er den Sassicaia doch. In den folgenden Jahren fristete der Edel-Toskaner ein kaum beachtetes Mauerblümchendasein. Erst Ende der 80er Jahre zündete die Sassicaia-Rakete. Bis heute hat sich der Preis auf 115 Franken (75 Euro) verachtfacht. Dies in einem Zeitraum, in dem sich die Reallöhne allenfalls verdoppelt haben.

Dass diese enorme Preis-Hausse in keinem Bezug zu den Produktionskosten steht, liegt auf der Hand. Allein die Nachfrage trieb den Preis in die Höhe. Dabei ist der Sassicaia noch ein moderates Beispiel. Garagenweine wie Pingus (Ribera del Duero) oder La Mondotte (Saint-Émilion) schossen noch viel schneller in noch viel höhere Preis-Sphären. Mit den Gesetzmäßigkeiten im Rebberg, wo ja - wie Winzer gerne betonen - die Qualität entsteht, haben solche Preisexplosionen nichts zu tun. Um die Wurzelbildung und die Ertragsveranlagung einer Rebe auf Spitzenqualität zu trimmen, braucht es Jahre. Fachleute gehen davon aus, dass heute zu einem Endverbraucherpreis von 40 Euro ein Spitzenwein produziert werden kann, bei dem alle qualitätsrelevanten Maßnahmen und Tricks angewandt werden. Und selbst bei diesem Preis bleibt genug übrig für einen gutseigenen Gärtner und goldene Wasserhähne in den Besucher-WCs…

Das grosse Kultwein-Monopoly

Bis in die 70er Jahre gab es einzig aus England eine nachhaltige Nachfrage nach Spitzen-Crus, vor allem aus Bordeaux und dem Burgund. Ausnahmen wie der spanische Vega Sicilia oder der australische Grange von Penfolds bestätigten nur diese Regel. Erst in den 80er Jahren wuchs in Europa und den USA eine neue hedonistische «obere Mittelschicht» heran, die Spitzenweine als Inbegriff exklusiven Genusses definierte. Die Weine stiegen in der Folge nicht nur frappant im Preis, sondern nahmen auch in der Anzahl inflationär zu. Noch 1985 gab es weltweit kaum 20 Weine, die pro Flasche mehr als 80 Euro kosteten. Bis ins Jahr 2001 multiplizierte sich die Zahl dieser Kultgewächse auf weltweit über 200. Jeder, von der alteingesessenen Quinta im portugiesischen Douro-Tal bis zur neu gegründeten Winery am Fusse der Anden, wollte beim großen Kultwein-Monopoly dabei sein.

Doch der September 2001 und die daraus folgende Wirtschaftskrise ließen die Kultweinblase platzen. Heute hat extrovertierter Genuss plötzlich etwas Anrüchiges. Wer tagsüber Leute wegrationalisiert und abends an der Theke einen 500-Euro-Wein entkorkt, zeigt einen Mangel an sozialer Kompetenz. Understatement heißt das neue Credo der Erfolgreichen. Wer seinen Gästen einen ehrlichen Valpolicella Superiore kredenzt, erntet mehr Goodwill, als wenn er mit einem Pingus protzt.

Die Konsequenz: Kultweine liegen bleischwer in den Kellern der Händler und Gastronomen. Inzwischen ist auch so manchem Produzenten von Superpremium-Weinen schmerzlich bewusst geworden, dass er bei der Preiskalkulation etwas vergessen hat: nämlich, dass solche Weine ihren Kultstatus sofort und unwiderrufbar verlieren, wenn die Nachfrage nachlässt und der Preis bröckelt. Der Cabernet Sauvignon Reserve war einst das stolze Flaggschiff der Robert Mondavi Winery in Oakville. Seit aber der Jahrgang 1998 in der Schweiz anstelle der ursprünglichen 148 Franken zum Schnäppchenpreis von fast schon schlappen 48 Franken verhökert wurde, ist dieser Wein imagemäßig so tot wie eine Leiche.

Qualität für sechs Euro

Zwischen einem Sakko vom italienischen Edelschneider Ermenegildo Zegna und einem von H&M liegen Welten - vor allem im Preis. Die qualitativen Unterschiede zwischen dem handgearbeiteten Edelstück und dem industriell hergestellten Massenartikel aber sind nur für den Kenner auf den ersten Blick sichtbar. Beim Wein ist es ganz ähnlich. Der eigentliche Quantensprung im Weinbau fand nicht bei den Topgewächsen statt, sondern beim Billigwein, der weit über 50 Prozent des weltweiten Marktes ausmacht. Noch vor 20 Jahren war es schwierig, günstige Weine von akzeptabler Qualität zu finden. Unreifes Traubengut oder vorzeitige Oxidation verlieh dem Konsum solcher Gewächse einen Hauch von Masochismus. Heute dagegen kann ein South-Australia-Cabernet oder ein Tinto aus der spanischen La Mancha für sechs Euro erstaunlich fruchtig und rund schmecken. Moderne Technologie und neustes Know-how haben die hintersten Winkel der Weinwelt erobert und so dieses Wunder möglich gemacht.

Mit dem Mouton Cadet bewies Baron Philippe de Rothschild als Erster, dass sich klassische Markenstrategien aus dem Konsumgüterbereich auch im komplex strukturierten Weinbau erfolgreich umsetzen lassen. Immer mehr Händler, Kaufhäuser, Gastronomen, Discounter und Grossverteiler forcieren heute diesen Weg. Ihre Marken verkaufen sich über das Image und den Preis. Mit verheißungsvollen, aber letztlich unverbindlichen Namen (zum Beispiel Jacob’s Creek oder Private Selection R. Mondavi) und möglichst weit gefassten überregionalen Ursprungsbezeichnungen (DO Cataluña, Vin de Pays d’Oc, South Australia oder schlicht California) sichern sie sich dabei größtmögliche Flexibilität bei der Produktion. Die Herkunft der Trauben und die Wahl der Sorte spielen nur noch eine untergeordnete Rolle.

Diese Mainstream-Weine, die mit weicher Frucht und Eichenholzgeschmack stilistisch die Edelgewächse nachahmen, kosten in der Produktion zwischen zwei und fünf Euro und erzielen Endverbraucherpreise zwischen fünf und zwölf Euro.

Doch den zweifelsfrei süffigen Zeitgenossen fehlt leider das, was Wein erst zur Kultur macht: der individuelle Charakter und die erkennbare Herkunft. Sie haben nur ganz wenig mehr Identität als ein Heineken-Bier.

Ein Hoch den Selbstkelterern

An den Winzerdörfern der Côtes du Rhône, der Pfalz, der Loire oder des Valpolicella sind Kult- wie Markenweine weitgehend vorbeigezogen wie ferne Gewitterwolken. Zum Glück. Die Winzer blieben auf ihrem Boden. Von gestern freilich sind auch sie schon lange nicht mehr. Auch sie wissen heute alles über Ertragsbegrenzung, Gärführung und Barrique-Ausbau. Während sich die Kultweine durch die forcierte Konzentration im Charakter immer mehr angeglichen haben und die Markenweine eh auf mehrheitsfähig getrimmt werden, haben die selbst einkellernden Winzer in den klassischen Anbaugebieten der Alten Welt die größte Leistung im Weinbau der letzten 20 Jahre geschafft: Sie haben ihren trockenen Riesling Kabinett, ihren Côtes du Rhône Villages oder ihren Valpolicella Superiore verbessert, ohne ihn zu maskieren. Diese Weine zeigen mit jedem Schluck, wo sie zu Hause sind. Und so liegt das größte Glück, das der Weinbau im Jahr 2005 zu bieten hat, irgendwo in einer Weinstube der Pfalz oder einer Osteria des Veneto. Und kostet keine 15 Euro…

Erschwinglich genießen

Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Ein Spezialversender offerierte kürzlich «65 renommierte Bordeaux bei der Abnahme von mindestens fünf Kisten mit einem progressiven Mengenrabatt bis zu 25 Prozent». Ein Italien-Anbieter im deutschen Süden lockte Kunden mit «bis zu 30 Prozent», und ein Händler aus Norddeutschland warb sogar mit 50 knallharten Prozenten auf feine Weine. So bekamen Weinfreunde beispielsweise einen 2001er Valandraud für nur noch 94,50 Euro (vorher 189 Euro) und einen Costa Russi von Angelo Gaja in der Magnum für 212,50 Euro (vorher 425 Euro).

Wenn Weinhändler ihren Kunden «Sparen und Genießen» ans Herz legen, dann passiert das selten aus reiner Nächstenliebe. Sündteure Kultweine haben in der momentanen Wirtschaftslage Flaute, und so versuchen die Händler, die aufgestauten Vorräte abzubauen. Manchmal geben sie aber auch einfach die Preisvorteile weiter, die ihnen ihre eigenen Lieferanten einräumen.

Denn der Fachhandel wird von Großimporteuren derzeit umworben wie nie. Hier ein Fläschchen Vega Sicilia Único als Zugabe zu zwölf Flaschen teuren spanischen Weins. Dort eine Magnum vom Nobelitaliener als Lockmittel für die Bestellung von 24 Flaschen eines anderen namhaften Gewächses aus der Toskana. Dann die bereits klassischen «fünf Prozent Weihnachtsrabatt» inklusive Verlosung eines Wochenendtrips oder häufig einfach «elf plus eins», sprich ein Dutzend Flaschen werden geliefert, aber nur deren elf in Rechnung gestellt.

Manche Händler und Händlerinnen ärgern sich richtig über solche Offerten. So ergrimmt sich eine Weinhandels-Bayerin: «Früher mussten wir betteln, um einige Flaschen wertvoller Weine zugeteilt zu bekommen - jetzt werden sie uns regelrecht aufgedrängt.» Gerade die Firmen, die solche Kultgewächse noch vor einem Jahr zu Spitzenpreisen einkauften, fühlen sich jetzt gelackmeiert.

Für Otto Normalverbraucher dagegen macht (W)einkaufen heute mehr Spaß denn je. Denn Schnäppchen sind nicht nur bei den Edeltropfen zu machen. Viele Weinverkäufer haben ihre Kataloge neu geordnet und stellen die Preishits in den Vordergrund. Sie halten gezielt nach einem exzellenten Preis-Genuss-Verhältnis Ausschau, wie es etwa in Südfrankreich, Süditalien, Österreich und in Deutschland zu finden ist. Achtung, nicht zu verwechseln sind diese seriösen Angebote mit den vielen schwer erklärlichen 1,99-Offerten der Discounter, bei denen die Flasche oft wertvoller als der Inhalt ist!

Schlaue Genießer haben ein Mittel zum Schnäppchenkauf: das Internet. Es erleichtert den Preisvergleich, und man kann aus der Ferne bei Weinversteigerungen renommierter Auktionshäuser mitbieten. Hier sind neben kostspieligen Kulttropfen immer mal wieder hochwertige Weine zu finden, die «standesbewussten» Etikettentrinkern zu gewöhnlich anmuten und deshalb zum Niedrigpreis weggehen.

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